Blog | Teil 3 von 3 | Evidenzbasierte Einblicke in die Intralogistik
Philipp Meyer | Quin Consulting | Juni 2026
Wenn über die Zukunft der Lagerarbeit gesprochen wird, dominieren zwei extreme Narrative: Entweder wird Automatisierung und KI Blue-Collar-Arbeit «ersetzen» – oder Agilität und digitale Tools werden alle operativen Probleme auf magische Weise lösen.
Beide Perspektiven verfehlen die Realität der Intralogistik. Basierend auf empirischen Erkenntnissen aus 23 Schweizer Unternehmen steht eine Schlussfolgerung klar im Vordergrund: Die Zukunft der Lagerarbeit ist keine Frage der Ersetzung – sondern der Augmentation unter realen operativen Rahmenbedingungen.
Was sich nicht grundlegend ändern wird
Trotz des rasanten technologischen Fortschritts werden einige Kernmerkmale der Intralogistikarbeit bestehen bleiben:
- Physische Präsenz und Materialhandling
- Schichtbasierte Arbeit und Taktabhängigkeiten
- Zeitdruck und häufige Störungen
- Abhängigkeit von Erfahrung und situativem Urteilsvermögen
Meine Forschung zeigt: Diese Rahmenbedingungen sind keine Schwächen – sie definieren den Kontext, in dem jede Form von Agilität oder KI operieren muss.
Wer voll autonome, selbstorganisierte Lagerteams erwartet, ignoriert diese Realität.
Was sich verändern wird: die Rolle digitaler und KI-gestützter Werkzeuge
Was sich verändert, ist die Art und Weise, wie Blue-Collar-Teams bei der Bewältigung von Komplexität unterstützt werden.
Über alle untersuchten Unternehmen hinweg trugen digitale Werkzeuge dann zur Reaktionsfähigkeit bei, wenn sie:
- Transparenz erhöhten (Echtzeitstatus, Visualisierung)
- Koordinationsaufwand reduzierten (klare Schnittstellen, standardisierte Daten)
- Ausnahmebehandlung unterstützten statt starrer Optimierung
KI ist in diesem Sinne kein Entscheidungsträger auf dem Shopfloor. Sie wirkt als unterstützende Schicht – hebt Abweichungen hervor, schlägt Optionen vor, beschleunigt den Informationsfluss.
Reaktionsfähigkeit verbesserte sich nicht, weil Systeme schneller entschieden, sondern weil Menschen besser entscheiden konnten.
«Das System sagt mir nicht, was ich tun soll. Aber es zeigt mir schneller, wo etwas nicht stimmt.»
Lagerleiter, Handelsunternehmen Nordwestschweiz
Agilität in der Zukunft: weniger Framework, mehr Kontextintelligenz
Die Zukunft der Agilität in der Intralogistik wird sich voraussichtlich deutlich von heutigen agilen Playbooks unterscheiden.
Meine Erkenntnisse deuten auf eine Verschiebung hin zu:
- Mikro-Praktiken statt umfassender Frameworks
- Situativer Koordination statt fester Rituale
- Führung, die auf lokales Urteilsvermögen setzt
Praktiken wie kurze Huddles, visuelle Boards und KVP-Routinen bleiben zentral – werden aber zunehmend digital augmentiert, nicht ersetzt.
Agilität wird weniger eine Methode und mehr eine in den Arbeitsalltag eingebettete Fähigkeit.
Warum Blue-Collar-Arbeit anspruchsvoller wird – nicht einfacher
Eine kritische Implikation, die oft übersehen wird: Je intelligenter die Systeme werden, desto höher werden die kognitiven Anforderungen an die Mitarbeitenden.
Blue-Collar-Arbeit in der Intralogistik erfordert bereits heute:
- Systemverständnis
- Verantwortung für Ausnahmen
- Koordination über Schnittstellen hinweg
Mit KI-gestützten Systemen verstärkt sich dieser Trend. Das Lager der Zukunft eliminiert daher nicht die Blue-Collar-Expertise – es erhöht ihre Bedeutung.
Das macht Investitionen in Lernen, Vertrauen und Entscheidungsspielräume relevanter als je zuvor.
Die Zukunft gehört nicht der Automatisierung des Shopfloors – sondern seiner intelligenten Unterstützung.
Eine realistische Zukunftsperspektive
Die Zukunft der Lagerarbeit wird nicht allein durch Technologie definiert. Sie wird geprägt durch die Art und Weise, wie Organisationen:
- Entscheidungsrechte gestalten
- Digitale Werkzeuge in reale Arbeitsabläufe integrieren
- Implizites Wissen auf dem Shopfloor respektieren
Agilität und KI entfalten ihr Potenzial nur dann, wenn sie an die operative Realität der Intralogistik angepasst werden. Nicht als Vision – sondern als Alltagspraxis.
Schlussgedanke
Statt zu fragen: «Wie automatisiert oder KI-getrieben wird unser Lager sein?»
Wäre eine relevantere Frage: «Wie gut unterstützen unsere Systeme die Menschen dabei, auf das zu reagieren, was tatsächlich passiert?»
Die Antwort auf diese Frage entscheidet nicht nur über die Effizienz von Lagern. Sie entscheidet darüber, ob wir die Zukunft der Arbeit in der Intralogistik als Bedrohung erleben – oder als Chance.
Meine Überzeugung nach drei Jahren Forschung bleibt: Der Mensch in der Intralogistik ist und bleibt der zentrale Faktor. Die Technologie kann ihn unterstützen. Ersetzen kann sie ihn nicht. Und je besser wir das verstehen, desto besser werden unsere Lager funktionieren.
Mich interessiert: Wie bereiten Sie Ihre Organisation auf eine Zukunft vor, in der Blue-Collar-Arbeit nicht weniger, sondern anspruchsvoller wird?
Über den Autor
Dr. Philipp Meyer ist Dozent und Senior Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FFHS (Fernfachhochschule Schweiz) sowie Gründer der Quin Consulting GmbH. Seine Doktorarbeit zur agilen Arbeitsorganisation in der Intralogistik basiert auf 23 Experteninterviews in Schweizer Industrie- und Handelsunternehmen und ist 2026 bei Springer Gabler erschienen.
Dieser Beitrag ist der letzte Teil der Serie «Evidenzbasierte Einblicke in die Intralogistik». Die Serie umfasst drei Beiträge:
- Teil 1: Warum Agilität in der Intralogistik scheitert
- Teil 2: Was Blue-Collar-Teams wirklich reaktionsfähig macht
- Teil 3: Die Zukunft der Lagerarbeit – Agilität, KI und was sich wirklich verändert (dieser Beitrag)
Quelle: Meyer, P. (2026). Agile Arbeitsorganisation in der Intralogistik. Agile Methoden, Praktiken und Tools für die Reaktionsfähigkeit aus der Blue-Collar-Perspektive. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN 978-3-658-51783-0.
