Vor dem neuen System oder der KI: drei Prüffragen für das Lager

Philipp Meyer | Oktober 2026

Vor einer Systemeinführung im Lager wird viel geprüft: Funktionen, Schnittstellen, Kosten, Termine. Selten geprüft wird, ob das Team danach schneller reagiert oder langsamer. Ein neues System kann beides bewirken. Hier stehen drei Fragen, die ich vor der Auswahl und im Test stellen würde, und woran man die Antwort erkennt.

Die Fragen kommen aus zwei Richtungen: aus Systemeinführungen, die ich begleitet habe, vom Transportmanagementsystem bis zur Logistiklösung in einem SAP-S/4HANA-Projekt, und aus meiner Forschung zur Reaktionsfähigkeit im Lager.


Warum ein neues System ein Team auch langsamer machen kann

Ein Lagerverwaltungssystem schafft Stabilität und Transparenz. Reaktionsfähig wird ein Team dadurch nicht von selbst. Bringt das System neue Freigaben, Listen und Rückfragen mit, wird das Team sogar langsamer. Und für Abläufe, die heute schon unruhig sind, gilt, was ich im KMU-Magazin geschrieben habe:

«Digitalisiert werden sollte nur, was bereits stabil funktioniert; instabile Abläufe werden sonst lediglich schneller fehlerhaft.»

Aus meinem Beitrag im KMU-Magazin 1/2 2026, S. 100

Nach den Schilderungen der Befragten trugen digitale Werkzeuge dann zur Reaktionsfähigkeit bei, wenn sie drei Dinge leisteten. Sie erhöhten die Transparenz, sie reduzierten den Koordinationsaufwand, und sie unterstützten die Behandlung von Ausnahmen statt einer starren Optimierung. Daraus sind die drei Fragen entstanden.

Tabelle mit drei Prüffragen und dem, was man im Test prüft: Echtzeit, Abstimmung und Ausnahme
Abbildung 1. Drei Prüffragen vor einer Systemeinführung und woran man die Antwort im Test erkennt. Quelle: Eigene Darstellung.

1. Sieht das Team in Echtzeit, was gerade los ist?

Gemeint ist der Stand, den die Leute für ihre nächste Entscheidung brauchen: welcher Auftrag hängt, wo eine Fehlmenge liegt, welche Rampe frei ist. Muss das erst über Nachfragen am Leitstand oder über einen Ausdruck geklärt werden, verliert jede Störung Minuten.

Im Test lässt sich das einfach prüfen. Eine Schichtleitung soll ohne Rückfrage sagen können, welche Aufträge gerade gefährdet sind und warum. Gelingt das nur mit einer zusätzlichen Auswertung, fehlt die Transparenz genau dort, wo sie gebraucht wird.


2. Fällt Abstimmung weg, oder kommt neue dazu?

Ein System kann jeden einzelnen Schritt beschleunigen und das Team trotzdem bremsen, wenn neue Freigaben, Listen oder Rückfragen dazukommen. Deshalb würde ich vor der Einführung zählen, wie oft für einen typischen Eilauftrag abgestimmt wird, und dieselbe Zählung im Test und nach dem Start wiederholen.

Hellhörig würde ich werden, wenn im Konzept neue Rollen auftauchen, die vor allem Daten nachpflegen oder Freigaben erteilen. Dann lohnt sich die Frage, ob Information und Entscheid auseinanderfallen.


3. Hilft das System bei der Ausnahme oder nur im Normalfall?

Störungen, Eilaufträge und Umplanungen gehören im Lager zum Alltag. In Vorführungen laufen Systeme meist im Normalfall und mit sauberen Daten. Entscheidend ist, was passiert, wenn ein Gerät ausfällt, eine Fehlmenge auftaucht oder ein Auftrag vorgezogen wird. Zeigt das System die Abweichung, schlägt es Optionen vor, und darf jemand vor Ort übersteuern?

Ich würde in der Auswahl und im Test mit den eigenen Ausnahmen prüfen, nicht mit den Beispielen des Anbieters. Drei, vier echte Fälle aus dem letzten Monat genügen.


Und die KI?

Für KI gelten dieselben drei Fragen. Nach meiner Einschätzung ist sie auf dem Shopfloor kein Entscheidungsträger, sondern eine unterstützende Schicht: Sie hebt Abweichungen hervor, schlägt Optionen vor und beschleunigt den Informationsfluss. Entscheiden müssen weiterhin die Leute. Dafür brauchen sie Erfahrung, Spielraum und Vertrauen, und das wird wichtiger, je mehr ein System kann. Ausführlicher steht das in Teil 3 der Beitragsreihe, Die Zukunft der Lagerarbeit.


Wann man die Fragen stellt

  1. Beim Lastenheft: die drei Fragen als Anforderungen aufschreiben, mit je einem Beispiel aus dem eigenen Betrieb.
  2. Bei der Auswahl: die Anbieter Ausnahmen aus dem eigenen Betrieb durchspielen lassen.
  3. Im Test: Leute aus der Schicht dazunehmen, nicht nur die Schlüsselpersonen aus dem Projekt.
  4. Nach dem Start: nach vier bis sechs Wochen nochmals zählen, ob Abstimmung weggefallen oder dazugekommen ist.
Vier Zeitpunkte für die Prüffragen: Lastenheft, Auswahl, Test und nach dem Start
Abbildung 2. Die vier Zeitpunkte, zu denen ich die Prüffragen stellen würde. Quelle: Eigene Darstellung.

Was die Fragen nicht können

  • Sie ersetzen kein vollständiges Lastenheft, keine Wirtschaftlichkeitsrechnung und keine Prüfung von Sicherheit und Datenschutz.
  • Sie sagen nicht, welches System das richtige ist. Sie zeigen, ob ein System zur Arbeit im eigenen Betrieb passt.
  • Die Befunde dahinter beruhen auf 23 Interviews in Schweizer Industrie- und Handelsunternehmen mit eigener Intralogistik. Die Übertragung auf andere Betriebe ist plausibel, aber nicht belegt.

Woher das kommt

Die drei Merkmale stammen aus meiner Monografie. Sie beschreiben, wann digitale Werkzeuge nach den Schilderungen der Befragten zur Reaktionsfähigkeit beitrugen, und sind in Teil 3 der Beitragsreihe zusammengefasst. Die Formulierung als Prüffragen, die Hinweise für Lastenheft, Auswahl und Test und die Beispiele sind mein Vorschlag, gestützt auf Einführungen, die ich begleitet habe.

Steht eine Einführung an, würde ich die drei Fragen ins Lastenheft und in den Test nehmen. Dabei kann ich helfen. Mehr dazu unter Praxis.


Über den Autor

Philipp Meyer forscht zur Arbeit und zu den Menschen in der Intralogistik und lehrt an Fachhochschulen und Höheren Fachschulen. Seine Doktorarbeit an der Middlesex University London zur agilen Arbeitsorganisation in der Intralogistik basiert auf 23 Interviews in Schweizer Betrieben und ist 2026 bei Springer Gabler erschienen.

Quellen: Meyer, P. (2026). Agile Arbeitsorganisation in der Intralogistik. Agile Methoden, Praktiken und Tools für die Reaktionsfähigkeit aus der Blue-Collar-Perspektive. Wiesbaden: Springer Gabler. Meyer, P. (2026). Digitalisierung von Geschäftsprozessen: Warum Software-Systeme allein die Reaktionsfähigkeit nicht erhöhen. KMU-Magazin, 1/2, S. 98 bis 101.