Bestände senken, ohne die Lieferfähigkeit zu gefährden: ein Rechenbeispiel

Philipp Meyer | Oktober 2026

Viele Lager führen den Sicherheitsbestand mit einer einzigen Regel, etwa eine Woche Bedarf für jeden Artikel. Die Regel ist leicht zu erklären und schnell umgesetzt. Sie kostet aber an zwei Stellen: Beim stabilen Artikel liegt mehr als nötig, beim schwankenden reicht es trotzdem nicht. Hier stehen ein Rechenbeispiel mit drei Artikeln, der Rechenweg, die Reihenfolge, in der ich vorgehen würde, und die Grenzen der Rechnung.


Zuerst die Zahlen

Bevor gerechnet wird, müssen die Zahlen stimmen. Drei Dinge würde ich zuerst ansehen: ob Zugänge, Abgänge und Umlagerungen zeitnah und vollständig gebucht werden, wie gross die Inventurdifferenzen sind und bei welchen Artikeln sie auftreten, und wie hoch der tatsächliche Verbrauch ist, also die Abgänge und nicht die Bestellmengen. Wochen mit Fehlmenge gehören markiert, dort zeigt der Verbrauch weniger als den Bedarf. Stimmt der Buchbestand nicht, wird zum falschen Zeitpunkt bestellt, und auch ein richtig berechneter Sicherheitsbestand schützt dann nicht.


Einteilen nach Wert und Regelmässigkeit

Nicht jeder Artikel verdient dieselbe Aufmerksamkeit. Zwei Einteilungen helfen, die Artikel zu ordnen.

  • Die ABC-Einteilung ordnet nach dem Verbrauchswert, also Menge mal Preis. Oft gewählte Grenzen sind: A-Artikel machen zusammen rund 80 Prozent des Werts aus, B-Artikel die nächsten rund 15 Prozent, C-Artikel den Rest.
  • Die XYZ-Einteilung ordnet nach der Regelmässigkeit des Bedarfs. Gemessen wird sie mit dem Variationskoeffizienten, der Standardabweichung des Bedarfs geteilt durch seinen Mittelwert. Üblich sind zum Beispiel X unter 0.5, Y zwischen 0.5 und 1 und Z darüber. Die Grenzen hängen am Zeitraster: Mit Wochenwerten fällt der Variationskoeffizient deutlich höher aus als mit Monatswerten. Zeitraster und Grenzen legt man deshalb zusammen fest, im Beispiel sind es Wochenwerte.

Die Grenzen legt jeder Betrieb selbst fest. Wichtiger als die genaue Grenze ist, dass die Disposition die Einteilung versteht und mitträgt.


Der Sicherheitsbestand folgt aus drei Grössen

Die Rechnung beruht auf vier Annahmen. Der Bedarf schwankt von Woche zu Woche zufällig und annähernd normalverteilt um einen Mittelwert, die Wochen sind voneinander unabhängig, die Wiederbeschaffungszeit ist bekannt und fest, und bestellt wird, sobald der Bestand den Meldebestand erreicht.

Der Sicherheitsbestand soll die Schwankung während der Wiederbeschaffungszeit auffangen. Diese Schwankung wächst nicht im gleichen Mass wie die Zeit, sondern langsamer, weil sich Wochen mit hohem und mit tiefem Bedarf teilweise ausgleichen. Deshalb steht in der Formel die Wurzel der Wiederbeschaffungszeit:

Sicherheitsbestand = k × Standardabweichung des Wochenbedarfs × Wurzel aus der Wiederbeschaffungszeit in Wochen

Der Faktor k kommt aus der Normalverteilung und dem gewünschten Servicegrad. Gemeint ist hier der Anteil der Bestellzyklen, in denen der Bestand bis zur nächsten Lieferung reicht. In der Fachsprache ist das der Alpha-Servicegrad. Er ist in der Regel strenger als die Lieferbereitschaft nach Menge, denn auch in einem Zyklus mit Fehlmenge wird meist der grösste Teil des Bedarfs geliefert. Für 95 Prozent ist k 1.645, für 99 Prozent 2.326. Das Ergebnis wird auf ganze Stück aufgerundet.


Das Rechenbeispiel

Drei Artikel mit Beispielwerten aus einem grösseren Sortiment, Wiederbeschaffungszeit zwei Wochen. Artikel 1 ist teuer und hat einen gleichmässigen Bedarf, Artikel 2 ist ebenfalls teuer, sein Bedarf schwankt aber stark, Artikel 3 ist günstig, sein Bedarf ebenfalls gleichmässig. Für die beiden A-Artikel gilt ein Servicegrad von 95 Prozent, für den C-Artikel 99 Prozent.

Rechenbeispiel mit drei Artikeln: Einheitsregel eine Woche Bedarf gegen berechneten Sicherheitsbestand, CHF 15'800 gegen CHF 9'076
Abbildung 1. Sicherheitsbestand nach der Einheitsregel «eine Woche Bedarf» und berechnet nach Schwankung, Wiederbeschaffungszeit und Servicegrad. Quelle: Eigene Darstellung, Beispielwerte.

Mit der Einheitsregel liegen CHF 15’800 im Sicherheitsbestand. Artikel 1 ist damit fast vollständig abgesichert, weit mehr als für das Ziel von 95 Prozent nötig. Welches Ziel je Gruppe gilt, entscheidet der Betrieb mit Verkauf und Disposition. Artikel 2 reicht dagegen nur in rund 88 von 100 Bestellzyklen bis zur nächsten Lieferung. Berechnet sind es CHF 9’076, rund 43 Prozent weniger, und jeder Artikel erreicht das Ziel seiner Gruppe.

Bemerkenswert ist, woher die Einsparung kommt. Der teure, stabile Artikel 1 gibt am meisten ab. Der schwankende Artikel 2 bekommt mehr Bestand als vorher. Und der günstige Artikel 3 erreicht 99 Prozent für knapp 400 Franken. Wo der Bestand teuer ist, lohnt sich Genauigkeit. Wo er billig ist, darf der Servicegrad höher sein.


So lässt es sich in der Tabellenkalkulation rechnen

  1. Den Wochenverbrauch der letzten 26 bis 52 Wochen je Artikel in eine Spalte stellen.
  2. Je Artikel den Mittelwert mit MITTELWERT und die Standardabweichung mit STABW.S berechnen, dazu den Variationskoeffizienten als Standardabweichung geteilt durch Mittelwert.
  3. Den Faktor k aus dem Servicegrad bestimmen: NORM.S.INV mit 0.95 ergibt 1.645.
  4. Den Sicherheitsbestand als k mal Standardabweichung mal WURZEL der Wiederbeschaffungszeit in Wochen rechnen und mit AUFRUNDEN auf ganze Stück aufrunden.
  5. Das Ergebnis mit dem heutigen Sicherheitsbestand vergleichen, in Stück und in Franken.

Je Gruppe eine Regel

Die Rechnung allein steuert noch nichts. Sie braucht je Gruppe eine Regel, die die Disposition ohne fremde Hilfe weiterführen kann. Ein Vorschlag für den Anfang:

Neun Felder aus ABC nach Wert und XYZ nach Regelmässigkeit, je mit einer Regel: AX Sicherheitsbestand berechnen und oft in kleinen Mengen bestellen, AY Sicherheitsbestand berechnen und Schwankung monatlich prüfen, AZ nach Auftrag beschaffen, BX Bestellpunkt und berechneter Sicherheitsbestand, BY wie BX mit quartalsweiser Prüfung der Schwankung, BZ nach Auftrag oder kleiner Mindestbestand, CX und CY hoher Servicegrad und grössere Mengen, CZ Mindestbestand und Sortiment prüfen
Abbildung 2. Ein Vorschlag für Regeln je Feld der ABC-XYZ-Einteilung. Die Regeln passt jeder Betrieb an. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an gängige Normstrategien.

Wie man anfängt

  1. Einen Lagerbereich oder eine Warengruppe wählen.
  2. Buchungen und Inventurdifferenzen der letzten Monate ansehen und bereinigen.
  3. Die Einteilung rechnen und mit der Disposition durchgehen. Neuheiten, Auslaufartikel und Saisonartikel markieren.
  4. Für zehn bis zwanzig A-Artikel den Sicherheitsbestand berechnen und mit dem heutigen vergleichen.
  5. Nach drei Monaten prüfen, wie sich Fehlmengen, Reichweite und gebundenes Kapital entwickelt haben.

Was die Rechnung nicht kann

  • Sie setzt einen Bedarf voraus, der um einen Mittelwert schwankt. Für Z-Artikel mit sporadischem Bedarf taugt sie nicht. Dort braucht es eine andere Regel, oft die Beschaffung nach Auftrag.
  • Schwankt die Wiederbeschaffungszeit, ist der berechnete Sicherheitsbestand zu tief. Dann gehört auch diese Schwankung in die Rechnung.
  • Wird in festem Rhythmus bestellt, etwa einmal pro Woche, muss der Sicherheitsbestand auch das Bestellintervall abdecken. In der Formel steht dann die Wurzel aus Wiederbeschaffungszeit plus Bestellintervall.
  • Trends und Saison verzerren die Standardabweichung. Dann rechnet man besser mit den Abweichungen von der Prognose als mit dem Verbrauch.
  • Der Sicherheitsbestand ist nur ein Teil des Bestands. Wie viel im Lager liegt, bestimmt auch die Bestellmenge, und das ist ein eigenes Thema.
  • Die Werte im Beispiel sind erfunden. In einem echten Lager liegen die Zahlen anders. Gleich bleibt das Muster: Stabile Artikel brauchen weniger Sicherheitsbestand als nach der Einheitsregel, stark schwankende mehr. Ob unter dem Strich Kapital frei wird, hängt von der heutigen Regel ab und zeigt erst die eigene Rechnung.

Woher das kommt

Die Berechnung des Sicherheitsbestands aus der Schwankung des Bedarfs, der Wiederbeschaffungszeit und dem Servicegrad ist ein Standardverfahren der Bestandsführung, ebenso die Einteilung nach ABC und XYZ. Das Beispiel und die Reihenfolge sind mein Vorschlag, gestützt auf Projekte zur Bestandsführung. Die Regeln je Feld lehnen sich an die gängigen Normstrategien der ABC-XYZ-Analyse an, in meinen Worten und für den Anfang vereinfacht.

Wer seine Bestände so durchgehen will, dem würde ich raten, mit einem Bereich und zusammen mit der Disposition zu beginnen. Dabei kann ich helfen. Mehr dazu unter Praxis.


Über den Autor

Philipp Meyer forscht zur Arbeit und zu den Menschen in der Intralogistik und lehrt an Fachhochschulen und Höheren Fachschulen. Seine Doktorarbeit an der Middlesex University London zur agilen Arbeitsorganisation in der Intralogistik basiert auf 23 Interviews in Schweizer Betrieben und ist 2026 bei Springer Gabler erschienen.