Forschung

Anwendungsorientiert heisst hier: die Frage kommt aus dem Betrieb, die Methode aus der Wissenschaft, und das Ergebnis muss in beiden bestehen.


Erste Linie

Blue-Collar-Agility in der Intralogistik

Agile Methoden, agile Führung und agile Werkzeuge werden fast durchgehend im Kontext von Wissens- und Projektarbeit erforscht. Was geschieht, wenn dieselben Prinzipien sich in Schichtarbeit, körperlich gebundener Tätigkeit und unter realem Taktdruck bewähren müssen? Und was geschieht, wenn man die Beschäftigten selbst danach fragt, statt über sie zu forschen?

Offen waren drei Dinge: eine tragfähige Konzeptualisierung intralogistischer Blue-Collar-Arbeit, die kontextspezifischen Determinanten operativer Reaktionsfähigkeit, und ein Übertragungsrahmen, der im Schichtalltag standhält.

Blue-Collar-Tätigkeit in der Intralogistik geht über Routine hinaus. Sie verlangt Systemverständnis, Koordination und Verantwortungsübernahme. Wer sie als repetitiv modelliert, modelliert am Gegenstand vorbei.

Die vier Reserven der Reaktionsfähigkeit Ein Viereck mit vier Eckpunkten, in der Mitte die operative Reaktionsfähigkeit. Oben die Wissens-Reserve, das Erfahrungswissen der Beschäftigten, unter der Bedingung, dass es weitergegeben werden kann. Rechts die Prozess-Reserve, Stabilität als Basis, unter der Bedingung, dass Standard und Abweichung unterscheidbar sind. Unten die Kultur-Reserve, eine gelebte Fehlerkultur, unter der Bedingung, dass eine Meldung nichts kostet. Links die Führungs-Reserve, Entscheidungsnähe, unter der Bedingung, dass Umsteuern ohne Rückfrage erlaubt ist. Reaktionsfähigkeit entsteht nur, wenn alle vier Reserven zugleich verfügbar sind. Wissens-Reserve Erfahrungswissen der Beschäftigten Bedingung: es muss weitergegeben werden können Prozess-Reserve Stabilität als Basis Bedingung: Standard und Abweichung sind unterscheidbar Kultur-Reserve Gelebte Fehlerkultur Bedingung: eine Meldung darf nichts kosten Führungs-Reserve Entscheidungsnähe Bedingung: Umsteuern ohne Rückfrage ist erlaubt Reaktionsfähigkeit
Die vier Reserven der Reaktionsfähigkeit. Das erweiterte Responsiveness-Modell in seiner lehrbaren Fassung. Reaktionsfähigkeit entsteht nur, wenn alle vier Reserven zugleich verfügbar sind. Jede hat eine Bedingung, ohne die sie nicht trägt, und die schwächste zeigt, wo anzusetzen ist.

Was daraus entstanden ist

  • Eine theoretische Konkretisierung intralogistischer Blue-Collar-Tätigkeit mit ihren kognitiven und sozialen Anforderungen.
  • Eine empirisch gestützte Erweiterung des Responsiveness-Modells nach Richey et al. um Erfahrungswissen, Prozessstabilität und gelebte Fehlerkultur.
  • Ein Portfolio agiler Mikro-Praktiken: angepasste Kurzbesprechungen, visuelle Flusssteuerung, kontinuierliche Verbesserung, Tandem-Schichtmodelle.
  • Ein Gestaltungsbaukasten, der einzelne Elemente schrittweise überführt, statt ganze Frameworks zu implantieren.

Grundlage sind ein systematisches Literaturreview und 23 teilstrukturierte Experteninterviews in der Deutschschweiz. Auswertung als qualitative Inhaltsanalyse mit MAXQDA, Intercoder-Reliabilität über Cohen’s Kappa.


Zweite Linie

Entscheidungsunterstützung in der Logistik

Wie lassen sich klassische Methoden der Bestandssteuerung so aufbereiten, dass ein mittelständisches Unternehmen sie tatsächlich anwendet und nicht nur zur Kenntnis nimmt? Gestaltungsorientierte Forschung, bei der am Ende ein lauffähiges Werkzeug steht und nicht ein Modell auf Papier. Das Artefakt ist der Prüfstein: was sich nicht bedienen lässt, hat die Frage nicht beantwortet.

Aus dieser Linie sind bisher zwei Working Papers zur ABC/XYZ-Klassifikation hervorgegangen. Ein weiterer Strang befasst sich mit der Modellierung von Fachdomänen, gemeinsam mit zwei Ko-Autoren. Daraus ist im August 2026 ein erstes Working Paper erschienen.


Studierende

Forschung entsteht auch in der Betreuung

Ein Teil meiner Arbeit läuft über Abschlussarbeiten. Ich schneide sie so zu, dass sie eigene Primärdaten zu Fragen erheben, die an meine Forschungslinien anschliessen, etwa zur Akzeptanz neuer Technik in der Intralogistik oder zur Rolle von Erfahrungswissen bei Störungen.

Die Studierenden bearbeiten ihre eigene Fragestellung und behalten die Autorschaft daran. Wo daraus eine gemeinsame Publikation entsteht, entsteht sie mit ihnen als Ko-Autorinnen und Ko-Autoren. Das ist der Grund, warum ich Betreuung nicht als Nebenpflicht behandle. Mehr zur Betreuung


Methodik

Qualitativ und gestaltungsorientiert, mit dem Anspruch, dass jeder Schritt nachvollziehbar bleibt. Systematische Literaturreviews nach PRISMA, teilstrukturierte Experteninterviews mit dokumentiertem Auswahlkriterienkatalog, qualitative Inhaltsanalyse in MAXQDA mit Gütekriterien. Für Werkzeugentwicklung Design Science Research, mit dem Artefakt als Prüfstein.

Literaturreviews werden vorab registriert. Das ist kein Formalismus, sondern die einzige Art, ein Review überprüfbar zu machen. Veröffentlicht wird die Registrierung zusammen mit der Arbeit.


Laufende Projekte

Konzeptualisierung von Blue-Collar-Arbeit

Systematisches Literaturreview zur Frage, wie diese Beschäftigtengruppe in der Forschung überhaupt gefasst wird, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen an zwei britischen Universitäten. Ein Zwischenbefund: die Begriffslage ist uneinheitlich, domänenspezifische Konzeptualisierungen fehlen weitgehend.

Eingeschlossene Studien nach Erscheinungsjahr Balkendiagramm von 1996 bis 2026. Bis 2016 einzelne Studien pro Jahr, ab 2017 deutlicher Anstieg, Höchstwert 36 Studien im Jahr 2025. Die Jahre 2021 bis 2025 enthalten 111 der insgesamt 190 eingeschlossenen Studien. 0 10 20 30 1996: 1 Studien 2003: 1 Studien 2004: 1 Studien 2005: 2 Studien 2006: 1 Studien 2007: 2 Studien 2010: 2 Studien 2011: 2 Studien 2012: 3 Studien 2013: 1 Studien 2014: 4 Studien 2015: 4 Studien 2016: 2 Studien 2017: 13 Studien 13 2018: 6 Studien 2019: 15 Studien 15 2020: 14 Studien 14 2021: 14 Studien 14 2022: 14 Studien 14 2023: 26 Studien 26 2024: 21 Studien 21 2025: 36 Studien 36 2026: 5 Studien 1996 2001 2006 2011 2016 2021 2026 2021 bis 2025: 111 von 190
Eingeschlossene Studien nach Erscheinungsjahr, n = 190. 111 der 190 Studien stammen aus den Jahren 2021 bis 2025. Das Feld ist jung, und genau deshalb ist die Begriffslage noch ungeordnet.

Datengetriebene Bestandssteuerung für KMU

Design Science Research zu skalierbaren Klassifikationswerkzeugen, mit einem Co-Autor an einer Schweizer Fachhochschule. Das Artefakt ist eine lauffähige Anwendung. Zwei Working Papers sind erschienen, die Journalfassung ruht derzeit zugunsten anderer Vorhaben.

Drittmittelprojekt mit internationalen Partnern

Mitarbeit in einem national finanzierten Forschungsprojekt. Mein Beitrag liegt in der empirischen Erhebung und der qualitativen Auswertung, eine gemeinsame Publikation ist in Vorbereitung. Näheres, sobald sie steht.

Operative Reaktionsfähigkeit in der Intralogistik, Vortrag 16.09.2026

Angenommener Beitrag zum 22. Fachkolloquium Logistik der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Technische Logistik in Magdeburg. Die These: Reaktionsfähigkeit ist weniger eine Frage der Methodik als der organisatorischen Gestaltung. Der Vollbeitrag ist eingereicht.


Zum Nachlesen

Kürzere Texte zur Forschung, für Leserinnen und Leser aus der Praxis geschrieben. Eine dreiteilige Reihe aus den Befunden der Dissertation.

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Kooperation

Für gemeinsame Anträge, Ko-Betreuung von Abschlussarbeiten oder Praxis-Forschungs-Partnerschaften bin ich ansprechbar. Am ehesten passt es, wenn eine Frage aus einem Betrieb kommt und methodisch sauber beantwortet werden soll.

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